Ein unbekannter Streich des Till Eulenspiegel

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Als Till Eulenspiegel aus Hamburg entweichen mußte, wanderte er auf der großen Landstraße nach Norden und kam nach dem Tuchmacherflecken Neumünster. Er verdingte sich dort am Marktplatz bei einem geizigen Wullenweber, der seinen Gesellen geringe und wenige Kost gab, also daß sie vom Hunger große Augen hatten. Eulenspiegel, der alle Tage lieber mit den Zähnen als mit den Händen fleißig war, beschloß deshalb bald weiterzuwandern. Ihm juckte aber das Fell danach, einem oder mehrern in dem Flecken zuvor eine große Schalkheit anzutun, denn ohne ein Andenken zu hinterlassen ging er ungern aus einem Orte fort.

Nun mußte sein Meister einmal mit seiner Frau eine Reise tun. Als nun die Gesellen das Reich für sich hatten, ließen sie von der Arbeit und stellten sich, die Hände unter den Schürzen, müßig vor die Tür. Es waren aber ihrer dreie: Till Eulenspiegel und zwei andere. Während sie nun gähnten und gafften, sahen sie den Schweinemetzger mit der Bütte auf dem Schubkarren nach dem Hof des Meisters Klaus fahren, der auch ein Tuchmacher war.

Bei dem Gedanken an Schweinespeck lief den Gesellen das Wasser im Munde zusammen, und der Hunger knurrte ihnen nur noch um so hohler und verdrießlicher durch das Gedärm. Eulenspiegel aber, der Schalk, sagte zu den zweien: »Ihr sollt heute noch Gepfeffertes, Gesalzenes und Geschmalzenes zu essen haben. Schwört mir deshalb bei dem heiligen Vicelin, daß ihr ohne Fragen und Murren tun werdet, was ich euch heiße.« Dazu waren die beiden gleich bereit, und Eulenspiegel bedachte sich, wie er sein Wort wahr machen konnte. Als nun von dem Geschrei des gestochenen Schweins der ganze Markt widerhallte, fragte Eulenspiegel: „Wer ist der faulste Sänger?“ Die Gesellen wußten nicht zu antworten. Eulenspiegel aber antwortete ihnen: „Das Schwein, denn es singt nur dann mit Ausdauer, wenn ihm das Messer an der Kehle sitzt.“ Darauf nach einer Weile hub Eulenspiegel wieder an: „Was ist der fleißigste Teil am Menschen, die Arme, die Beine, der Kopf oder der Magen?“ Die Gesellen wußten auch hierauf keinen Bescheid zu geben. Es antwortete ihnen deshalb Till Eulenspiegel: „Der Magen, denn er knurrt, wenn er keine Arbeit hat.“

Indes fuhr der Metzger mit seiner Bütte wieder von des Meisters Klaus Hof, aber nicht nach Hause, sondern nach dem andern Ende des Marktes, wo er auch des Meisters Gottlieb Schwein abtun sollte, denn Weihnachten stand vor der Tür.

Als nun wieder eine Weile vergangen war, sahen die Gesellen den Meister Klaus und seinen Anhang aus dem Hause kommen und über den Markt gehen. Klaus war der Vetter des Gottlieb. Ihn mochte die Neugierde treiben zu sehen, wie das Schwein dorten beschaffen war.

Da nun Eulenspiegel wußte, daß bei dem Meister Klaus das Haus leer war, sprach er zu den Gesellen: „Geht mit mir hinüber!“ Sie standen alle drei auf dem Hof vor dem ausgenommenen Schwein, und Eulenspiegel gebot ihnen: „Nehmt es von der Leiter und tragt es dorthin, wohin ich euch führen werde!“ Da bürdeten sich die zwei das Schwein auf, und Eulenspiegel ging voran, stracks in das Haus und in des Meisters Klaus Schlafkammer. „Legt das Schwein in das Ehebett“, sagte er. Auch das taten die Gesellen willig, denn sie waren ihrer schweren Bürde gerne ledig. Als sie aber sahen, daß Eulenspiegel das Schwein zurechtrückte und mit der Bettdecke zudeckte, als wäre es ein Mensch, wurden sie zornig und riefen: „Was machst du für Narrheiten! Du hast uns Gepfeffertes, Gesalzenes und Geschmalzenes versprochen! Her damit, oder wir werden dir den Buckel besehen!“ Da entgegnete Eulenspiegel: „Ei, ihr sollt nicht lange zu warten haben. Kommt nur und setzt euch hier auf die Diele zum Schmause!“ Eulenspiegel deckte bei diesen Worten einen Tisch, holte Teller und Messer aus der Küche und rückte die Bank heran. Die Gesellen setzten sich. Eulenspiegel aber sprang hurtig aus dem Hause und rief ihnen zu: „Geduldet euch, ich hole das Mahl!“

Er lief über den Markt und rührte dort, wo der Pfarrer seine Klause hatte, unmäßig den messingnen Klopfer. Der Geistliche kam selbst, um zu sehen, wer seiner begehrte. Als er nun einen armen Tuchmachergesellen erkannte, wurde er zornig und wollte ihn hinwegweisen. Eulenspiegel aber fuhr ihm in die Rede und sprach: „Des Meisters Klaus Frau liegt in den letzten Zügen. Versagt ihr den letzten Zuspruch nicht. Bedenkt, daß ihr selbst wohl dabei fahren werdet, denn der Meister hat schon geschlachtet.“ Da besann sich der Pfarrer und ließ sich von Eulenspiegel das heilige Gewand antun. Auch den Ministranten holte der Schalk eiligst herbei, so daß sich der Pfarrer wegen solchen Eifers verwunderte und beim Fortgehen sprach: „Ihr seid ein frommer Gesell. Laß euch von meiner Magd ein Maß Dünnbier reichen.“

Der Pfarrer wallte mit gesenktem Blick seine Straße, und der Ministrant läutete fromm das Glöcklein. Da kamen alle Bürger, die am Markt ihr Haus hatten, vor die Tür und zogen die Mütze. Auch Meister Klaus, der mit allen anderen noch auf des Meisters Gottlieb Hof war, wegen des Vetters Schweins, lugte über die Planke, und sein Weib sprach: „Es gilt des Christophers alte Mutter. Sie hat die Wassersucht, und ihre Seele möchte aus dem kranken Leibe hinausfahren.“

Wie erstaunte die Meisterin aber nach solchen Worten, als der Pfarrer in ihr eigenes Haus ging, denn es war doch niemand darin, auch kein Kranker. Da liefen beide, der Meister Klaus und sein Weib, heimwärts über den Markt, und die Kinder und der Vetter Gottlieb machten sich auch auf.

Indes war der Pfarrer bis auf die Diele gekommen, wo die Gesellen vor ihren leeren Tellern saßen und warteten. Der Geistliche sagte zu ihnen, indem er die Hände hob: „Führt mich zu dem Bette, meine Freunde!“ Da zeigten die Gesellen ängstlich nach der Kammer und wären gerne hinweggelaufen, doch die Beine waren ihnen vor Schreck schwer und wie bleiern. Der Pfarrer ging in die Kammer. Als er nun das tote Schwein statt der Meisterin im Bette fand, verfinsterte sich sein Gesicht über und über, und er begann auf die Unchristlichkeit seiner Gemeinde zu schelten. Da kam sehr zu ungelegener Zeit der Meister Klaus gelaufen und wollte fragen, weshalb ihm die Ehre geschehe. Der Pfarrer fuhr ihn zornig an, ergriff einen großen Prügel und schlug ihn sehr hart, denn er vermutete in dem unschuldigen Meister den Anstifter des Frevels. Als nun der Pfarrer in großer Wut hinwegging, nahm der Meister den Stock, mit dem er selbst gestrichen worden war, und verhobelte die beiden Tuchmachergesellen, und zwar so wacker, daß sie wie die Hasen hinwegstoben. „Das ist also das Gepfefferte, Gesalzene und Geschmalzene, was uns Eulenspiegel verhieß“, sprachen sie zu sich. „Warum mußten wir uns auch an einen Schalk halten und tun, was er gebot!“

Till Eulenspiegel indes saß an dem Tische des Pfarrers und ließ es sich schmecken. Er betörte die Magd durch schöne Reden so sehr, daß sie den besten Schinken aus dem Rauch nahm und ihm davon vorschnitt. Auch Gepfeffertes und Geschmalzenes brachte sie, soviel er haben mochte. Als sich Eulenspiegel nun gütlich getan, gedachte er bei sich, daß der Pfarrer zurückkommen und ihn übel behandeln könne. Deshalb ging er eiligst hinweg, obgleich es ihm leid war. Er entwich aus dem Lande Holstein und ließ die Tuchmacher in Neumünster fortan in Frieden.

Foto: Gedenktafel von Till Eulenspiegel in Berlin-Wittenau, (c) OTFW, Berlin (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), via Wikimedia Commons

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